Verbindung

Ich glaube, es war Heidegger, der uns an drei Grundsätze unserer menschlichen Existenz erinnerte:

1. Wir leben
2. Wir sind frei
3. Wir sind verbunden

Wir leben. Jetzt! Das bedeutet, dass mein Leben jetzt passiert, dass es meine Erfahrung ist und dass ich mich dafür zeigen muss. In schweren Zeiten ist es manchmal verlockend, in der Vergangenheit zu verweilen oder zu warten, und auf eine andere, bessere Zukunft zu hoffen. Doch beides ist ungewiss. Alles was wir wissen, ist dass wir heute, jetzt und in jedem Moment am Leben sind, dass wir leben können, teilnehmen können, uns diesem Jetzt ergeben können.

Wir sind frei. Frei, Entscheidungen über unser Leben zu treffen, frei zu entscheiden, wie wir leben wollen, was wir tun wollen, welche Risiken wir eingehen wollen. Die Freiheit trägt die Notwendigkeit in sich, die gesamte Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Sobald ich mir bewusst mache, dass ich frei bin, höre ich damit auf, anderen die Schuld für mein Leiden zu geben, und höre damit auf, die Umstände für meine Gefühle verantwortlich zu machen.

Wir sind verbunden – alles Sein ist verbunden. Im Grundsatz sind wir auf die praktischste Art und Weise verbunden. Als Teil der Existenz sind wir mit allem verbunden, was uns umgibt, und auch miteinander.

Wenn wir in Zeiten der Distanzierung allein und von allem getrennt sind, werfen Sie Ihren Blick ruhig mal auf das, was Sie unmittelbar umgibt. Möglicherweise sitzen Sie auf einem Stuhl oder einem Sofa, das einst jemand entworfen hat. Jemand hat dafür gesorgt, dass es produziert wurde – versuchen Sie einmal zu erkennen, wie viele Hände an der Herstellung des Sitzmöbels beteiligt waren, bis es seinen Weg in Ihr Zuhause fand.

Dort, wo Sie leben, hat jemand dafür gesorgt, dass Wasser aus dem Wasserhahn läuft, jemand hat den Grundstein für das Haus gelegt, einen Plan erstellt, die Materialien bestellt, diese wurden wiederum von jemandem anderes an irgendeinem Ort hergestellt, sodass Tausende von Händen am Bau Ihres Zuhauses beteiligt waren. Menschenhände.

Und jetzt erinnern Sie sich daran, was Sie heute zum Frühstück hatten, vielleicht war es ein Apfel. Dafür hat jemand den Boden aufbereitet, legte einen Samen in die Erde und pflegte den Sprössling, bis er zu einem früchtetragenden Baum heranwuchs. Jemand kümmerte sich um den Baum, versorgte ihn mit reichlich Wasser und erhielt ihn so am Leben. Jemand hat diesen Apfel gepflückt, vielleicht hat jemand anderes ihn verpackt, jemand hat dafür gesorgt, dass er in Ihrem Supermarkt ankommt, jemand anderes hat ihn ausgepackt und hingelegt, damit Sie ihn nehmen können, und jemand hat Ihr Geld dafür erhalten.

Wir haben uns so an unseren Konsum gewöhnt, dass es uns leichtfällt, zu vergessen, dass alle Dinge durchdacht, geplant, organisiert, hergestellt, verarbeitet, verpackt und transportiert werden, dass Dinge von Menschenhand geschaffen werden, was oftmals mit großer Anstrengung verbunden ist.

Wir verlassen uns aufeinander. Wir verlassen uns tagtäglich auf Menschen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Wir sind verbunden.

Als Mensch weiß ich, dass wir uns gerne gesehen, geschätzt, respektiert und umsorgt fühlen. Es ist wichtig für unsere Existenz, dass wir uns verbunden fühlen. Wir fühlen uns gerne als Teil der menschlichen Familie und tragen unseren Teil zu dieser Familie bei. Und wir alle tun dies auf unsere eigene Art und Weise. Wir sind im Hier und Jetzt, wir leben und können frei dazu beitragen, und es gibt keinen Weg, der uns daran hindert.

In der Erkenntnis, dass wir verbunden sind, liegt großes Potenzial, um unseren Beitrag zu leisten. In der Erkenntnis, dass wir verbunden sind, liegt Dankbarkeit und Wertschätzung für alles, worüber ich verfüge, und was mir von anderen verfügbar gemacht wird.

Gerade in Zeiten wie diesen, in denen wir unsere Verbindungen weit möglichst beschränken, ist es meines Erachtens an der Zeit, sich besonders zu bemühen, um selbst herauszufinden, wie die Verbindung aufrechterhalten werden kann. Nicht so sehr die Verbindung zu mir selbst, sondern die Verbindung zu denen, die in meinem Umfeld leben und zu denen ich keine persönliche, keine persönliche Verbindung habe.

Da unser Gesicht die meiste Zeit zur Hälfte unter der Maske verborgen ist und wir dazu ermutigt werden, uns physisch zu distanzieren, sind es hauptsächlich unsere Stimme und natürlich unsere Augen, die wir dafür einsetzen können. Ich stelle sicher, dass mein „Dankeschön“ und „Schönen Tag!“ gehört werden. Ich lächle oft unter meiner Maske und stelle irgendwie sicher, dass das Kind, das mich anlächelt, auch weiß, dass ich zurücklächle. Ich bemühe mich, ruhig und freundlich zu bleiben, wenn auf einer belebten Straße oder in einer Warteschlange Spannung in der Luft liegt. Ich habe Mitgefühl, wenn ich mit Wut konfrontiert werde, da ich oft die zugrunde liegende Angst spüren kann, durch die sie ausgelöst wurde.

Und Angst ist ein großes Problem. Angst ist eines der Themen, die in meinem Netzwerk mitunter am meisten diskutiert werden. In den Diskussionen geht es oft darum, warum man Angst hat oder warum man keine Angst hat. Ich glaube, das müssen wir alle selbst herausfinden, aber wir können nicht leugnen, dass es die Angst gibt.

Wenn ich mich mit meiner Angst verbinde, wenn ich mir die Zeit genommen habe, mich ihr zu stellen, sie zu fühlen, zu verstehen und zu akzeptieren, fällt es mir leichter, mich mit Deiner Angst zu verbinden. Und genau das ist es, was Verbindung erfordert: es beginnt wie immer bei mir selbst.

Verbinden wir uns also mit unserer Weisheit, unseren Erkenntnissen und all dem Wissen und der Wahrheit, die wir bisher erfahren haben. Lassen wir uns mit unseren Herzen verbinden, mit unseren tiefsten Ängsten, und uns erlauben, Mitgefühl zu entwickeln. Lassen wir uns von unserer Liebe Vertrauen lehren und unsere Verbundenheit spüren.

Mit Liebe

Charu Eliza Hermsdorf

Mitbegründerin von DIMA Mallorca, einem Zentrum für bewusstes Leben
Mediatorin und Conflict Counselor bei MediateBerlin

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